HOLE OF FAME

31. August
„Deutschlands billigste Tage“
31. August
Einlass: 20:00 Uhr
Begin: 20:30 Uhr
Spendenempfehlung 3-8€

Michael Meinicke ist wieder da und liest kurze Texte aus seinem langen Leben. 1948 wurde der Autor des Bestsellers OSTKREUZ (Segler Verlag Freiberg) in Berlin geboren. 1972 Inhaftierung ins Stasi-Gefängnis Berlin-Hohenschönhausen (er hatte im Lyrikclub Pankow Gedichte vorgetragen, die als „staatsfeindlich“ eingeschätzt wurden). 1978 floh er von Ost nach West. Seitdem zahlreiche Bücher, Texte, Preise, Stipendien und Lesereisen durch viele Länder. Zuletzt quer durch Irland. / Michael Meinicke lebt bei Kassel, wo er u.a. auch als freier Journalist (HNA) tätig ist.

www.Michael-Meinicke.de
https://de.wikipedia.org/wiki/Michael_Meinicke
https://www.ddr-zeitzeuge.de/ddr-zeitzeugen-recherchieren/ddr-zeitzeuge/michael-meinicke-436.html

Leseprobe:

„ An das Mädchen im Sand

...wir leben schnell wir sterben kurz wir atmen tief und gehen aus wir wissen das eine und handeln wie alle leben ist bewegung leben ist dasein hier sein musik übberrollt unsere empfindungen wir singen schreien stampfen mit den füßen den boden der geschichte die dreck ist die uns niemals interessierte es gibt momente da wird überlegt es gibt stürme die fegen hinweg was stört wir suchen wir finden wir verschwinden wir existieren schwarz bunt stark klein groß unendlich schwach im sterben glocken erklingen wir springen im rhythmus wir lauschen den eltern den signalen die unsere fehler korrigieren wir begreifen stumm wie fische wie löwen brüllend wir werden getötet gefoltert verraten beleidigt behandelt geschont gebleicht geeicht belästert verachtet was sind vorfahren laßt uns ihre kreuze aus verfallenden grabhügeln reißen und zu schwertern endloser rache glühend schmieden es gibt ein vergnügen danach ein lachen zuletzt ein spruch der zerfetzt auf petrolleure! auf dynamiter! greift ein wir wollen länger lebendig sein als der lindwurm deutscher märchen...“

„JETZT heißt die Bewegung

Ich habe keine Mutter. Ich kenne keinen Vater. Ich sehe keinen Bruder. Ich treffe keine Schwester. Überall nur Wände, Mauern. Leute, die dahinter versauern. Niemand der weiß, was Leben heißt. In dieser verkommenen Stadt. Wo einer den anderen bescheißt. Der Mann schlägt die Frau. Die Frau das Kind. Der Junge das Mädchen. Das Mädchen die Liebe. Alle streicheln das Auto und den Hund. Jeder gute Deutsche hat einen Schäferhund. Jeder gute Deutsche hält auf der Straße den Mund. Jeder gute Deutsche hat Angst vor dem Neger. Glück bringt schließlich nur der Schornsteinfeger. Die Augen – rechts! Die Augen – links! Nicht Hinsehen – hier stinkts! Die dort am Bahnhof sitzen, seit langem im Elend der Armut schwitzen. Sie haben einen Kleinen zu sitzen. So dürfen sie schreien wie ein Schwein: "Hey, Rote Zecke! Heute so allein! Komm 'ran, komm näher! Wir hau'n dir eine rein!" Vorbei rennen Automaten, die noch Arbeit haben. Sie lassen sich knechten für irrsinnige Staatsabgaben. Am beknackten Sonntag dürfen sie sich erlaben. Piekfeine Klamotten mit gebügelter Pisse zum Parkplatzgeschnatter. Verzerrte Lügen ins Ohr von den Kanzeln der Gotteshäuser. Das ist das stinkige Land für die Liga der Verdammten. Die niemals wirkliche Freiheit kannten. Die Erde durchtränkt vom Judenblut der Jahrhunderte. Die wahre Folklore nach dem Musikantenstadl. Ein Karatehieb ins Kanackengenick. Die Masken verlieren ihr Grinsen auch nicht bei Nacht. Da mahlen die Zähne bis es kracht. Sind das Eltern? Freunde? Die großen Zeiten? Wo alle nur auf Rinnsalen aus Scheiße reiten? Ich sehe in den Spiegel. Die Pfützen. Die Fenster. Ich sehe keine Gespenster. Ich sehe mich allein. Meine Haut ist noch glatt. Meine Augen sind klar. Meine Gedanken sind rein. Ich werde gehen mit wehendem Haar. Aufwärts die Straße zum Blauen Wunder. Die Lichter erlöschen. Der Mond wird runder. Dieser Augenblick ist die Ewigkeit. Empor ins Licht? Hinunter in die höllische Zeit? Ich spüre Angstmut. Das ist gut...
Rauchnichkiffnichsaufnichficknich... tanzenkotzentanzenkotzentanzenkotzentanzenkotzen...“

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